Laura (61): „Ich hatte ein dunkles Tuch über mich gebreitet“

Depression - schwarz-weiß Foto eines Auges

In einer Familie aufzuwachsen, die von Ängsten, Lügen und Alkohol geprägt ist, zerstört das Urvertrauen eines Kindes. Scham, Trostlosigkeit und ein verstörtes Wertegefühl haben mich als Kind sehr belastet. Dabei wollte ich immer etwas aus mir machen, wollte viel lernen. Doch das war in meiner Herkunftsfamilie nicht so wichtig. Ich wusste schon früh: So wollte ich nicht leben.

Ich war 17 Jahre alt, da lernte ich meinen späteren Mann kennen. Er glaubte an meine Fähigkeiten und hat mich von Anfang an unterstützt und mir Mut gemacht. Nach bestandener Ausbildung und Führerschein zog ich mit 18 von zu Hause aus. Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Es war nicht leicht, meine vier Geschwister zurückzulassen. Meine Mutter brach den Kontakt ab. Ich stand für sie als Haushaltshilfe nicht mehr zur Verfügung. Nun hatte ich Verantwortung für meinen eigenen Haushalt. Da musste ich mich auch erst hineinfinden.

Fünf Jahre später haben wir geheiratet, und zwei Jahre später kam meine Tochter, mein Sonnenschein, zur Welt. Alles gut eigentlich – doch so war es nicht. Es gab Ärger mit der Schwiegerfamilie. Ich wollte selbstbestimmt leben, konnte aber meinen Unmut nicht richtig formulieren. Mein Mann hat viel gearbeitet. Ich habe dann vieles im wahrsten Sinne des Wortes heruntergeschluckt.

„Es war für mich sehr schlimm zu sehen, dass mein Mann weinte“

Es hat vier Jahre gedauert, bis ich zusammengebrochen bin. Es war für mich sehr schlimm zu sehen, dass mein Mann weinte. Er sagte: „Wenn du es nicht schaffst, vom Alkohol loszukommen, muss ich mit unserer Tochter gehen.“ Das wollte ich nicht erleben, das wäre das Allerschlimmste für mich gewesen. Er wollte mich aber auch unterstützen und ging mit mir in eine Sucht-Selbsthilfegruppe. So habe ich es geschafft. Mein Mann war stolz auf mich, und wir führten von da an eine Ehe auf Augenhöhe. Auch meine Schwiegerfamilie behandelte mich besser.

Doch dann starb mein Mann mit 54 Jahren, ich war damals 49. Das war sehr schwer für mich. Ich war wie gelähmt. Ich hatte ein dunkles Tuch über mich gebreitet. Ich wusste nicht weiter. Meine Tochter sagte zu mir: „Mama ich brauche dich noch, tu etwas! Du kennst die Sucht-Selbsthilfegruppen. So etwas gibt es auch für Trauernde.“ Ich besuchte eine solche Gruppe und habe Hilfe bei einem Psychologen in Einzelgesprächen bekommen. Das hat mir sehr geholfen. Mein soziales Umfeld, Freundschaften, die Arbeit in der Selbsthilfe von Frauen für Frauen und meine Tochter haben mir viel Kraft gegeben.

Doch dann kam wieder ein Nackenschlag. Ich hatte mich beruflich weiterentwickelt und war schon länger in einer leitenden Stellung tätig. Die Firma hatte mir eine Weiterbildung bezahlt, und ich war stolz, alles erreicht zu haben. Doch nach 13 Jahren in dieser Funktion war ich nicht mehr erwünscht. War ich zu alt? Mir sind die Gründe bis heute nicht wirklich bekannt. Drei weiteren Kolleginnen in der gleichen Position wie ich erging es genauso. Es wurden Fehler gesucht, wo keine waren, wir wurden nicht gut behandelt. Ich habe das alles nicht mehr verstanden, weil ich immer gut gearbeitet habe und meine Abteilung funktionierte. Ich war ratlos und sehr verletzt. Dann wurde noch mit einer Abmahnung gedroht. Ich habe mich gewehrt und hatte Erfolg damit.

„Ich fühlte mich müde, kraftlos, verletzt, enttäuscht und erschöpft“

Mir wurde das alles zuviel, ich sah keinen Ausweg mehr und wurde krank und entwickelte eine Depression, die mich für längere Zeit aus dem Verkehr zog. Mir wurde das erst langsam bewusst, als ich in der Reha angekommen war. Ich fühlte mich müde, kraftlos, verletzt, enttäuscht und erschöpft. Ich wollte nicht so gerne in mein Innerstes schauen, habe es dann aber doch getan. Nun musste ich wieder kämpfen. Meine Tochter war mein Motor. Erst wollte ich für sie wieder gesundwerden, später dann auch für mich. Ich hatte jetzt viele Wochen zur Reflektion und Entscheidungsfindung. Das war emotionale Schwerstarbeit.

Die berufliche Zurückweisung hat mich lange beschäftigt, und manchmal kommt es heute noch vor, dass ich daran denken muss. Ich habe mich nach der Reha dazu entschlossen, die leitende Stellung zu verlassen, ich wollte selbst bestimmen, wie es mit mir weitergeht. Ich musste niemanden mehr etwas beweisen und bin meinen Weg konsequent weitergegangen. Mit meinem neuen beruflichen Weg bin ich sehr zufrieden: Ich bin weiter in der Firma tätig, stelle meine Arbeitskraft aber nur noch in Teilzeit zur Verfügung.

Fast 30 Jahre ohne Alkohol und die Arbeit in der Sucht-Selbsthilfe haben mich stark und selbstsicher gemacht. Respektiert und geschätzt zu werden, ist mir wichtig. Dem Milieu meiner Herkunftsfamilie wollte ich entkommen, und das habe ich geschafft. Ich kann in meiner Selbsthilfegruppe von Frauen für Frauen, die ich heute mitgestalte meine Probleme ansprechen und kann andere Frauen unterstützen. Viele Seminare und Workshops haben mich in all den Jahren nach vorne gebracht. Ich bin froh, soweit gekommen zu sein. Ich bin auch gerne mit Menschen zusammen, kann es aber auch genießen, nur für mich zu sein.

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